Christine Futter

 

Die Katze krieg ich noch - Abenteuer in Südtirol

Erscheint voraussichtlich 1Q/2020


Kapitel 2.

Mittwoch, achtzehn Uhr, Soester Börde, auf’m Dorf. Auf dem Hundeplatz trainiert Linos Hundestaffel zum letzten Mal vor seinem Urlaub. Am Wochenende geht es in den lange ersehnten Wanderurlaub. Drei Wochen Südtirol. Wie gewohnt, parkt die Chefin ihren Wagen am Feldrand vor dem Eingang zum Hundeplatz und steigt aus.

„Willst du vorher noch mal eine Pinkelrunde machen?", fragt sie in Richtung Rücksitz. Dort peilt Lino angespannt durch das Gitterfenster seiner Box. „Nö", kommt die lapidare Antwort. „Passt schon. Mach endlich hinne."

„Drängle nicht, du Fellquaste", sagt sie, steigt aus, zieht die rote Einsatzjacke an und holt die Trainingssachen aus dem Kofferraum.

„Be-eil-dich!", quängelt es erneut von der Rückbank.

„Ja, ja..."

„Ja, ja‘ heist ‚Leck mich am Arsch‘."

„Na, dann weist du ja wo der Hammer hängt, nicht wahr, Schnuppelherzchen?" Die Trainingsprötteln unter beide Arme geklemmt, eine Tasche über der Schulter, den Wasserkanister in der einen Hand und das Ende von Linos Leine um die andere gewickelt, öffnet die Chefin umständlich seine Box und leint ihn an, während er weiter irgendetwas in seinen Bart brummelt.

„Komm rau...", will sie sagen, da hat Lino sich schon wie ein NATO-Panzer neben ihrer Hüfte vorbei nach draußen gedrückt.

„Ich weiß wo’s lang geht!", johlt er begeistert und gibt Gas, direktamente auf den Hundeplatz zu. Ein herzhafter Ruck an der Leine und die Chefin liegt auf dem Bauch.

Die Nase ganz dicht am Straßenbelag keucht sie: „Ja, ich auch," zu dumm, dass Lino ihr die Leine gleich ganz aus der Hand gerissen hat und auf dem Weg Richtung Trainingsgelände ist, zu den anderen Hunden.

Durch die hohe Ligusterhecke, die den komfortablen Hundeplatz umgibt, hört man bereits die Stimme der heutigen Gastausbilderin Kirsten, die der Staffel immer mal wieder bei der Prüfungsvorbereitung behilflich ist.

„Bitte! Bevor ihr den Platz betretet, holt euren Hund neben euch in die Grundstellung. Denkt dran, dass die Vorstellung beginnt, lange bevor ihr auf den Platz kommt. Macht den Hund aufmerksam und erst wenn er ganz bei euch ist, kommt ihr gesittet auf den Platz und stellt euch den Prüfern so vor, wie es die Prüfungsordnung vorschreibt. Erscheint der Hund vor seinem Hundeführer auf dem Platz macht das einfach einen doofen ersten Eindruck. Ihr verschenkt da sonst unnötige Punkte." Ein Geräusch vom Eingang her lässt sie kurz aufschauen. „Hallo Lino, heute ohne deine Chefin? Kommt die auch noch, oder hast du ne‘ Taxe genommen? Macht bitte jemand das Törchen zu, damit er nicht auf den Platz kann."

„Toll, ganz toll", denkt die Chefin, auf dem Asphalt neben ihrem Auto aber im gleichen Augenblick steht Lino wieder neben ihr. Schnell ist er, das muss man ihm lassen. Gereizt guckt er auf sie runter und drängelt: „Kommst du?", sie rappelt sich hoch. „Ich hab doch gesagt wir sind zu spät", meckert Lino weiter ohne Luft zu holen, „die Anderen haben längt angefangen."

Sie schaut ihn an. „Bitte, lass dass", sagt Sie resigniert.

„Was?"

„Gib mir nicht die Schuld an der verkorxten Zeitplanung. Du wolltest unbedingt erst noch eine Runde den Dackel durch die Siedlung jagen."

„Ach, der braucht das, sonst fühlt er sich nicht genug beachtet. Hättest du mich ne‘ Stunde früher rausgelassen, wäre das alles rechtzeitig erledigt gewesen. Kön’n wa‘ nu‘?"

Mühsam, Frau wird ja auch nicht jünger, sammelt die Chefin den verstreuten Klimbim von der Straße. „Wie wäre es mal mit etwas Hilfe, mein Schatz?"

Lino lässt sich nicht lange bitten. Er macht einen Satz, schnappt sich den Leckerchenbeutel, der am Feldrand im hohen Gras gelandet war, und fummelt die obersten Stücke raus.

„Hey! So war das nicht gemeint, du Schlingel!" Die Chefin lässt alles, was sie schon wieder im Arm hatte fallen und hechtet ebenfalls nach dem Futterbeutel. Sie bekommt sein Halsband zu fassen und zieht, aber Linos Nase steckt wie festgewachsen in der Öffnung. Ein Handgemenge später, hat sie den Beutel wieder unter Kontrolle. Allerdings fehlt die Hälfte der gewürfelten Hühnerherzen.

„Den Rest krieg‘ ich auch noch", verkündet Lino selbstsicher.

„Wir werden sehen, Bärchen", seufzt sie, „Erstmal müssen wir auf dem Platz ankommen. Können wir endlich?"

„Sicher, ich war ja schon mal da." Er betont dabei das ‚ich‘ und hebt die Nase noch ein wenig höher als ohnehin schon. Schwupps, macht er auf der Hinterhand kehrt und will sich Richtung Eingangstor trollen. Zwei Meter, dann ist das Ende der Leine erreicht und Druck kommt auf sein Halsband. Er schaut hinter sich und fragt: „Was is‘ nu‘?", ungeduldig schiebt er zur Sicherheit hinterher: „Ich will arbeiten." Und dann noch: „Füll den Beutel wieder auf."

Der Hundeplatz, gehört einem örtlichen Landwirt, der selber Hunde ausbildet. Das große Gelände ist mit einer dichten hohen Hecke eingefasst, es gibt eine gemütliche Hütte mit Kaffeemaschine und eine Pergola mit Grill, alles mit Sicht auf die Trainingsfläche, auf der die übliche Einrichtung für Schutzdienstausbildung verteilt ist. Verstecke und Hürden, dazu ein paar Buschgruppen. Außerhalb der kurz gemähten Grasfläche, an einer der langen Seiten, stehen Agilitygeräte. Da hat Lino auch immer Spaß dran.

Als die zwei endlich bei den Anderen ankommen, dreht auf dem Rasen schon eine Malinois-Hündin mit ihrer Hundeführerin eine Runde im Bei-Fuß, mit eingestreuten Wendungen, Turns und Tempowechseln. Die Gasttrainerin steht auf dem Platz und gibt Tipps. Nicht, dass die beiden das so nötig hätten. Die Hündin läuft wie festgetackert am Knie der jungen Frau und lässt die Augen nicht von ihrem Gesicht. Die Staffelmitglieder schauen von Zaun aus zu und tauschen Kommentare aus. Lino tut, als würde er es gar nicht sehen, kann sich aber ein leises, „Streber...", nicht verkneifen und trägt die Fellnase noch ein wenig höher.

„Achtung Loch", raunt die Chefin ihm zu.

„Wo?", zuckt er zusammen und schaut wieder nach unten.

Die Chefin muss lachen: „Na, da hinten. Hinter dem Busch." Sie wedelt mit meiner Hand in die Richtung.

„Verarsch mich noch‘", nörgelt er zu ihr hoch, schrumpft aber wieder auf Normalgröße.

„Sorry, hat sich mir gerade aufgedrängt. Können wir?" Sie stellt ihre Brocken auf einen der Tische unter der Pergola und begrüßt die anderen Staffelmitglieder. Dann will sie mit Lino auf den Platz gehen, aber der bremst sofort wieder. „Haaalt, hast du nicht was vergessen?"

„Was?" Er wirft einen deutlichen Blick zum Tisch mit dem Leckerchenbeutel.

„Schon gut..." Sie hängt das Ding an ihren Gürtel. Die folgenden Minuten sind wie immer. Ein großer Spaß für Lino und reine Nervensache für die Chefin. Beifuß, rechts, links, in allen Tempi, auch Voraus und Ablage kann Lino, theoretisch, aus dem FF. Na ja, die Ablageübung fällt ihm schon oft schwer. Wenn die Chefin weggeht, ein anderer Hund seine Übungen durchzieht und er zehn, fünfzehn Minuten auf einer Stelle liegen bleiben soll, dann ist ihm eben langweilig. Er behauptet, das sei alles eine Frage des Temperaments und der Hirnmasse, die beschäftigt werden will. Labrador Günni, schläft bei diesem Teil der Unterordnung regelmäßig ein, selbst in der Prüfung. Dafür müsste Lino schon tot sein.

Er kann also alles, er will nur meist nicht. Je nach Tagesform entweder, weil er es für unter seiner Würde hält, oder weil, er gerade was anderes im Kopf hat, oder weil in China ein Sack Reis umgefallen ist. Und dann sind da noch die Tage, wo er einfach ohne Grund keinen Bock hat. Dann stellt er sich vor die Chefin, bellt und fordert einfach die Leckerchen ohne Gegenleistung. Wer ‚ne Ente hat, sollte mit sowas umgehen können. Es hilft, wenn man sich selbst nicht zu wichtig nimmt.

 

Heute ist seine Tagesform, na sagen wir mal ‚durchwachsen‘. Was bedeutet: Er nervt. Mitten in der Übung bleibt die Chefin schließlich stehen. „Darf ich wenigstens einmal vorgehen?", fragt Sie.

„Nein!", kommt der eindeutige Bescheid. Lino dreht sich um, rollt die Rute hoch über den Rücken und zieht erneut vorneweg.

„Ich will aber", sagt die Chefin und stemmt die Füße in den Boden. Uuups, denkt Lino, Palastrevolte? „Hey Prinzessin, was bringt dir das? Einmal vorneweg? Morgen ist sowieso wieder alles beim Alten."

„Möchtest du Rettungshund werden?"

„Ja, klar."

„Du weist, dafür müssen wir die Prüfung bestehen, oder?"

„Ja, sowieso."

„Gut, denn ohne bestandene Prüfung, darfst du nicht weiter durch den Wald zu toben. Das ist dir doch klar?"

„Du meinst, dann ist der ganze Spaß vorbei?", sein Hintern fällt mit einem ‚Plumps‘ auf den Rasen. „Das ist nicht dein Ernst." Bei dem Gedanken wird er doch blass um seine dreifarbige Nase.

„Und ob das mein Ernst ist, Engelchen." Ein bisschen schadenfroh setzt sich neben ihn ins Gras und guckt ihn direkt an. „Schau mal, ich verlange ja nicht, dass du dich so ganz verleugnest aber wäre nicht ein ganz kleines Bisschen", direkt vor seiner Nase hält sie Daumen und Zeigefinger einen Zentimeter auseinander, „Schauspielerei möglich?" Lino schaut ganz hypnotisiert auf ihre Finger. „Hmmm...", brummt er, „ich weiß nich. Da sind so viele Regeln."

„Gegen die du allergisch bist?"

„Gegen die ich allergisch bin."

„Mein süßer kleiner anarchistischer Schnuppel. Lino, schau mal, wir müssen wirklich keine Weltmeister in Unterordnung sein, um die Prüfung zu bestehen. Mir ist egal, ob du exakt in einer parallelen Linie neben mir sitzt, oder wie schnell du auf Befehle..." Er unterbricht: „Befehle?"

„Also gut auf ‚Wünsche‘, reagierst. Mit etwas gutem Willen, sollte ein Zusammenhang zwischen meinem Kommando und deiner Aktion erkennbar sein. Wenn du nur tust was ich dir sage, wann ich es dir sage, werden wir die Prüfung bestehen. Nicht mit Bestnoten, das gebe ich zu, aber die müssen auch gar nicht sein. Im Einsatz ist mir ein Hund, der tut was ihm gesagt wird viel lieber, als eine Töle, die erst auf den dritten Befehl..."

„Ha...hmmm...!", kommt die Ermahnung.

„...Wunsch, ein perfektes Platz hinlegt. Außerdem, wenn es darum geht Andere aufs Glatteis zu führen, Schnuppel, bist du doch ein ganz Großer." Sie tippt ihm mit dem Zeigefinger auf die schwarz glänzende Nase. „Tu es für mich."

Er grübelt. „Sag ‚bitte‘. Ich muss auch immer ‚bitte‘ sagen."

„Also gut: Bitte."

„Und ich kriege mehr Rinderohren."

„Eins in der Woche."

„Drei am Tag!"

„Drei in der Woche und Ende der Diskussion."

„Deal!", sagt er und hebt eine Vorderpfote. „Gib mir fünf, Prinzessin."

„Nur zur Sicherheit: Wir sind ab jetzt Partner auf dem Hundeplatz?"

Er lässt die Pfote wieder sinken. „Schon, aber der Deal gilt nur auf dem Hundeplatz."

„Ok, schlag ein", sie hält ihm die Hand hin. Er haut mit der Pfote drauf und meint: „Ich muss mal in die Büsche."

„Wäre dafür nicht vorhin Zeit gewesen?"

„Da war ich beschäftigt."

„Also gut, wir drehen noch eine Runde durch die Felder, dann legen wir los."

 

Christine Futter | info@christine-futter.de